
Allgemeines
Stonehenge, ein vorgeschichtlicher Kromlech (kreisförmige Steinkreissetzung) in einer Ebene 13km nördlich von Salisbury im Südwesten Englands (Grafschaft Wiltshire im Zentrum der Wessex-Kultur) aus dem Neolithikum (zeitlich nach der Mittelsteinzeit) und der Bronzezeit. Stonehenge ist das berühmteste Megalithmonument Englands und das bedeutendste prähistorische Bauwerk Europas.
Von frühester Zeit an erweckte er in seinen Besuchern Ehrfurcht und Neugier. Schon siebzig Jahre nach der Eroberung Englands durch die Normannen wurde er zum ersten Mal als eines der Wunder Britanniens erwähnt. Seitdem wurde immer wieder von fast jedem Volk vor- oder frühgeschichtlicher Zeit behauptet, es habe ihn erbaut.
Die Geschichte von Stonehenge
Erst während des 20. Jahrhunderts haben archäologische Ausgrabungen verlässliche
Informationen über sein Alter und seine Geschichte ergeben, die es uns jetzt ermöglichen
zu sagen, welches die hauptsächlichen Merkmale von Stonehenge sind und wann ungefähr und
in welcher Reihenfolge die verschiedenen Formen erbaut wurden.
Stonehenge wurde in verschiedenen Abschnitten gebaut, wahrscheinlich zunächst ein Steinkreis als Einfriedung für Zeremonien, der von Wall und Graben umgeben war. Ungefähr um 2200 v. Chr. wurden die 32 Blausteine von den Preseli-Bergen im Südwesten von Wales herangeschafft. Der Altarstein stammt sehr wahrscheinlich aus einer Region bei Milford Haven (Pembrokeshire).


Stonehenge wurde zweifellos von einem Volk gebaut, das weitgespannte Handelsverbindungen hatte und seine Hauptsiedlungen zwischen 1600 und 1300 v. Chr. in diesem Gebiet gründete. Um das Monument herum liegen etwa 400 Tumuli (Hügelgräber) aus der Zeit zwischen 2000 und 1500 v. Chr. Sie enthielten reiche Grabbeigaben und Splitter von Blausteinen, ähnlich denen der konzentrischen Kreise.
Stonehenge scheint seine Bedeutung als Stätte für Begräbnisse gegen Ende der Bronzezeit verloren zu haben. Ungefähr zwischen 55 v. Chr. und 410 n. Chr. rissen die Römer eine Reihe der aufrecht stehenden Steine nieder. Ausserdem stürzten zwei aufrechte Steine und ein Deckstein westlich des Altarsteins im Januar 1797 sowie ein anderer mit seinem Deckstein 1900 um. 1958 wurden diese Steine wieder aufgerichtet, wodurch das Monument ungefähr wieder sein Aussehen zurzeit der römischen Besatzung erhielt. Auf einigen dieser umgefallenen Steine wurden flache Eingravierungen entdeckt (1953). Sie stellen Bronzeaxtschneiden dar, die in Grossbritannien zwischen 1600 und 1400 v. Chr. benutzt wurden, und einen Dolch mit Griff, der zwischen 1600 und 1500 v. Chr. in Mykene (Griechenland) benutzt wurde.
Die Kalendertheorie
Stonehenge könnte dazu benutzt worden sein, die Sommer- und Wintersonnenwende,
das Frühlings- und Herbstäquinoktium (Tagundnachtgleiche) sowie Sonnen-
und Mondfinsternis vorauszusagen. Vielleicht hat es auch zur Vorhersage der
verschiedenen Stellungen von Sonne und Mond zur Erde und damit zur Vorhersage der
Jahreszeiten gedient, war also eine Art Kalender. Stonehenge könnte auch ein Versammlungsort
für religiöse Zeremonien gewesen sein, die mit Sonne und Mond zu tun hatten.
Die Betonung der Kreisform könnte den Kreislauf des Lebens, den von Geburt und Tod sowie
den der Jahreszeiten widerspiegeln.

Gestaltung
Stonehenge besteht aus vier konzentrischen Steinkreisen. Der äusserste
hat einen Durchmesser von 30 Metern und wird von rechteckigen Sandsteinblöcken
(Sarsensteine) gebildet, die ursprünglich durch Querblöcke verbunden waren. Innerhalb
dieses äusseren Kreises befindet sich einer aus kleineren Blausteinen (Dolerit). Er
umschliesst eine hufeisenförmige Steinsetzung aus Blausteinen mit Decksteinen, in der ein
Block aus Glimmersandstein steht, der so genannte Altarstein.
Die gesamte Anlage ist von einem kreisförmigen Graben mit einem Durchmesser von 104 Metern umgeben. An seiner Innenseite erhebt sich ein Erdwall, in dem sich ein Ring von 56 Löchern befindet, die als Aubrey-Holes (nach ihrem Entdecker, dem Altertumsforscher John Aubrey) bezeichnet werden und für die Feuerbestattung benutzt wurden. Im Nordosten werden Wall und Graben von der Avenue durchschnitten, einem Prozessionsweg von 23 Metern Breite und fast drei Kilometern Länge, der ebenfalls von einem Wall gesäumt wird.
Nahe dem Eingang zur Avenue steht der Slaughter Stone (Schlachtstein), ein Sarsenstein, der ursprünglich aufrecht gestanden haben mag. Fast gegenüber und auf der Avenue befindet sich der Heel Stone (Fersenstein), der vermutlich eine Rolle bei der Beobachtung des Sonnenaufgangs zur Sommersonnenwende gespielt hat.

Astronomie in
Stonehenge
Seit dem frühen achtzehnten Jahrhundert weiss man, dass die Achse des Kreises aus
Sarsensteinen etwa auf einen Punkt weist, von dem aus ein Beobachter im Zentrum von
Stonehenge den Sonnenaufgang am längsten Tag des Jahres in seiner am Horizont am
weitesten nördlich liegenden Stellung sehen konnte. Der Eingang wurde ebenfalls während
der Zeit der Benutzung von Stonehenge geringfügig neu ausgerichtet, um astronomische
Veränderungen des Sonnenaufgangs zur Zeit der Sommersonnenwende über Jahrhunderte hin zu
kompensieren...
In jüngerer Zeit wurde die Theorie
vertreten, dass die Verbindungslinien zwischen den vier Stationssteinen ebenfalls auf die
am Horizont nördlichste und südlichste Stellung für den Auf- und Untergang von Sonne
und Mond hinweisen könnten und der Breitengrad von Stonehenge gewählt worden sei, damit
diese Richtungslinien paarweise im rechten Winkel dazu verlaufen würden.
Weiterhin wurde die Theorie aufgestellt, der Ring der Aubrey-Löcher hätte als
vereinfachtes Modell der Umlaufbahn von Sonne und Mond benutzt werden können, um Eklipsen
vorauszusagen. Ausserdem wurde behauptet Stonehenge habe als Observatorium gedient, um
sehr genaue Beobachtungen der äussersten Punkte für Aufgang und Untergang des Mondes
vorzunehmen.
Untersuchungen anderer Steinkreise in Grossbritannien sowie in Stonehenge selbst zeigten
jedoch, dass die meisten - wenn nicht sogar alle - dieser Ausrichtungen rein zufälliger
Natur sind und von den Menschen der Jungsteinzeit und Bronzezeit, die diese Steine
aufrichteten, nicht beabsichtigt waren. Ausrichtungen hatten ihrer Absicht nach eher
Symbolgehalt als wissenschaftliche Grundlage, obwohl sie in vielen Fällen ganz allgemein
mit der Richtung des Sonnenaufgangs und -untergangs verbunden waren. Der Gebrauch von
Stonehenge als astronomische Beobachtungsstätte der vorgeschichtlichen Zeit wird
weiterhin eine Sache der Mutmassung bleiben. Archäologische Funde stützen diese
Behauptung nicht.
Die Druiden
Vor dreihundert Jahren vertrat der Altertumsforscher John Aubrey zum ersten Mal die
Meinung, Steinkreise seien Tempel der Druiden. Seit damals wurde allgemein angenommen,
Stonehenge sei von den Druiden erbaut und benutzt worden. Diese Annahme ist sicherlich falsch.
Alles, was wir über die Druiden wissen, wurde von Schriftstellern der Antike festgehalten
- wie etwa von Julius Cäsar. Sie berichten, dass es sich um eine keltische Priesterschaft
handelte, die ihre Blütezeit in Britannien in der Zeit der Eroberung durch die Römer,
eventuell aber auch schon in einigen vorausgehenden Jahrhunderten hatte. Zu jener Zeit
jedoch standen die Steine von Stonehenge schon seit zweitausend Jahren, und das Denkmal
war wahrscheinlich bereits eine Ruine. Überdies ist diesen Berichten ganz klar zu
entnehmen, dass die Druiden keine eigenen Tempel bauten, sondern ihre Zeremonien auf
Waldlichtungen abhielten. Es mag jedoch sein, dass die Druiden ihr Wissen und die
Beobachtung von Naturereignissen - wozu auch Astronomie gehört - von den Erbauern
Stonehenges ererbt hatten, und dass dieses Wissen über Jahrhunderte hinweg durch
mündliche Überlieferung weitervermittelt worden war. Es wird berichtet, dass die
Überlieferungen der Druiden in einer Reihe endloser Verse enthalten waren und ein Novize
für das Auswendiglernen bis zu zwanzig Jahre brauchte. Da es für das vorgeschichtliche
Britannien keinerlei Nachweise für irgendeine Methode der Aufzeichnung oder des
Niederschreibens von Zahlen gibt, wäre dies eine Möglichkeit gewesen, dieses Wissen zu
bewahren und von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Heute wissen wir zum
Beispiel, dass im Pazifik genaue Segelanweisungen für lange Seereisen lediglich durch
mündliche Überlieferung über mehrere Jahrhunderte weitergegeben wurden.
